Holdenstedter Schlosswochen 2012
Berichterstattung in der Allgemeinen Zeitung der Lüneburger Heide (Barbara Kaiser):
4.9.2012:
…. Das Publikum war bereits vor der Pause frenetisiert. Und am Schluss wollte der Beifall kein Ende nehmen. Die Holdenstedter Schlosswochen 2012 sind eröffnet, der erste Abend sah einen voll besetzt-ausverkauften ovalen Saal, die Künstler zeigten sich in Hochform und zauberhafter Spiellaune. Szenische Opern standen auf dem Programm; Mozarts „Zauberflöte“ und „Hoffmanns Erzählungen“ von Jacques Offenbach...
Dass U-Musik nicht gleich Niveauverlust bedeutet, davon war fest auszugehen; stehen die Schlosswochenveranstalter doch seit mehr als zehn Jahren für hohen Anspruch sowohl in konzeptioneller wie auch künstlerische Hinsicht. Das siebentägige Programm spricht da eine sehr deutliche Sprache. Und die Eröffnung untermauerte die Ahnung: Die diesjährigen Schlosswochen werden in die Annalen eingehen als besondere.
Das Sängerensemble, unterstützt durch Chor und Kinderstimmen und einem bravourös-anschmiegsamen Volker Link am Begleiterflügel, erzählten die alten Geschichten über Liebe und Leid, Begehren und Gewähren. Ganz ohne Tod ging es nicht, aber es wurde stimmlich wunderschön gestorben. Miriam Alexandra war vielleicht der heimliche Star des Abends mit ihren Arien der Pamina und Papagena bei Mozart und der Olympia, Antonia und Guilietta bei Offenbach. Zart und sicher in den Höhen und koloraturbewährt meisterte sie nicht nur die sehr anspruchsvolle Vorstellung der Puppe Olympia.
Aber eigentlich ist es unfair, zu sehr zu personalisieren, auch wenn Stephan Freiberger ein hinreißender Papageno war und Gideon Poppe, der Frischling in der Schlosswochenfamilie, ein beeindruckender Tamino und Hoffmann. Rassig-timbriert Carolina Bruck-Santos als neuer Mezzosopran.
Insgesamt jedoch stand ein Solisten-Ensemble auf der Bühne, bei dem sich jeder Einzelne für den Erfolg ins Zeug warf. Mit mustergültiger eloquenten Musikalität, Kondition und schauspielerischem Schalk. Ob dramatisch ausladende Passage, schön geführte Kantilene, inniges Duett oder turbulente Szene – die Sänger machten sich zum souveränen Anwalt der Sache und ließen den Spaß nirgendwo auf der Strecke...
5.9.2012:
Ein Klavierabend gehört zu den Schlosswochen; und wenn Hinrich Alpers am Flügel sitzt, haben die Veranstalter keine Kartenabsatzprobleme. So auch am Montag, dem Tag zwei des Festivals 2012... „Die Wut über den verlorenen Groschen“, Rondo a capriccio G-Dur von Ludwig van Beethoven. Ja, die Musikwissenschaftler sagen, der Komponist hat den Titel nicht erfunden. Sollen sie. Klingt es nicht aber, als wenn ein vorwitziges Talerchen rollt und rollt und ausgerechnet unterm Sofa ausklingelt? Hinrich Alpers nahm das Stück rasend schnell; aber bei Beethoven sind Metronomzahlen, wenn überhaupt vorhanden, sowieso weit auslegbar. Er spielte, als würde der Groschensucher nur kurz Luft holen, um dann weiterzuhasten. Das ganze Ungestüm der Noten ging jedoch nicht auf Kosten der Klarheit und kam auch ohne Effekthascherei aus. Die Partitur ist Effekt genug.
Begonnen hatte der Konzertabend mit einer Posse, zehn Variationen von Mozart zur Gluck-Opern-Arie „Unser dummer Pöbel meint“. Welch Anspielung! Hinrich Alpers muss zumindest einige dieser gewissen Talkshows kennen, in denen sich die Leute spreizen, wichtig nehmen, stolzieren, melodramatisch aufplustern und auf ihrer Meinung insistieren. Alles das steht in den Mozart-Noten und der 31-Jährige gab sie so: In dieses Leben geholt und in befreiender Erheiterung.
Die folgenden „Valses Nobles et Sentimentales“ von Maurice Ravel aus dem Jahr 1911 waren furioser Kontrapunkt in der Radikalität einer modernen Ästhetik... Alpers fand hier für lyrische wie dramatische Schattierungen den richtigen Ton und spielte auch seine Stärken im Nachdenklich-Kontemplativen aus. – Nach der Pause drei Preludes von George Gershwin, wirklich bekannte Unterhaltungsmusik, in der Interpretation aggressiv-fröhliches Intermezzo vor dem großen, 25-Minuten-Brocken zum Schluss: Robert Schumanns „Carnaval op. 9“. Mit Überzeugungskraft legte der Instrumentalist Sorgfalt auf die dynamische Balance, schien aber wohl am Ende selbst ein wenig erleichtert, als der letzte Ton angeschlagen war. Zur allgemeinen Beruhigung der Gemüter gab es eine leise Chopin-Mazurka obendrauf.
6.9.2012:
Anfangs musste man schwere Bedenken hegen, wie dieser Abend wohl ausgehen würde, denn das Quadriga-Quartett schrammelte drauf los...Dabei hatten die Gäste in der dritten Veranstaltung der diesjährigen Schlosswochen mit einem Walzer von Johannes Brahms die musikalischen Scherze noch gar nicht eingeläutet.... Beim folgenden Spaß auf den Geiger Joseph Joachim und zwei Walzern von Antonin Dvo?ák schien dann Leben in die Musiker zu kommen. Und für die Begleitung der vier heiteren Lieder von Hugo Wolf (aus dem „Italienischen Liederbuch“) waren sie endgültig reanimiert. Offenbar auch durch die Mezzosopranistin Christiane Heinke... Egal wie: Nach der Pause stimmte der Titel: „Streichquartett einmal anders“ und es wurde ein großer Fez, eine herrliche, skurrile Alberei. Wer hätte geglaubt, dass Arnold Schönberg, der sein Publikum mit der Zwölftonmusik erschreckte, mit „Die eiserne Brigade“ für Streichquartett und Klavier mitten im Ersten Weltkrieg ein Musikstück schrieb, das urkomisch ist. So fröhlich könnte Militär sein, wendete es sich ausschließlich dem Musikmachen zu! Ein Ding zwischen Wiener Kaffeehausmusik, angereichert mit Gegacker und Hundegebell und einem „Achtung!“. Hier legten die „Quadriga“-Leute los und nahmen die Kunst zwar ernst, sich selber aber nicht so sauertöpfisch wichtig. Hans-Joachim Draheim am Klavier durfte fröhlich hämmern und befeuerte die ganze Angelegenheit. Herrlich! Ähnlich schrägschön und schrill das „Minimax“ von Paul Hindemith, sechs kleine Stücke, allesamt Parodien auf „Gediegenes“ inklusive des Versuchs, zwei Geigen als Piccoloflöten auszugeben. Man muss es gehört haben.
Danach hatte Christiane Heinke, deren Stimme für die italienischen Lieder ein wenig zu dramatisch war, ihren großen Auftritt: Bei den vier Filmmusiktitel war sie ganz Diva... Die Heinke versuchte gar nicht erst, Leander oder Marlene Dietrich zu sein, sie gibt die Chansonette überzeugend, im Timbre absolut passend, mit schauspielerischer Raffinesse und Koketterie...
8.9.2012
… Was dieser Abend bot, war überraschend und amüsant und von großer Musikalität. Mit einem Quäntchen Seligkeit auch, klar, aber genauso mit einem schönen Augenzwinkern.
Acht Musiker saßen auf dem Podium, das Norddeutsche Kammerensemble, was heißt, Streichquartett plus Flöte, Klarinette, Klavier und Harmonium. Dazu, weil der Abend als musikalisch-literarischer ausgepreist wurde: Thomas Ney mit Texten von Roda Roda, was Vergnügen sowieso impliziert.
„Es gibt Gebrauchsmusik und solche, die nicht zu gebrauchen ist“, war sich der Komponist Kurt Schwaen (1909 bis 2007) sicher. Arnold Schönberg und seine Kollegen (einschließlich die noch lebenden Manfred Trojahn und Hans-Peter Dott) müssen sich das genauso gedacht haben. Und dass die Strauß-Walzer beste Unterhaltungs- also Gebrauchsmusik sind, darüber muss man nicht diskutieren. Und deshalb gingen alle Bearbeiter von „Lagunenwalzer“, „Rosen aus dem Süden“, „G`schichten aus dem Wienerwald“ oder „Schatzwalzer“ mit außerordentlicher Hochachtung mit den Originalnoten um. Wer also Strauß in Zwölfton-Manier erwartet hatte und zu Hause geblieben war, der irrte sehr und hat deshalb einen Abend voller Schwung verpasst.
Es erklang kraftvoll leuchtend unverkennbar Johann Strauß, auch wenn das Harmonium gemütlich dazwischen brummte, Flöte und Klarinette hin und wieder die üblichen schmachtenden Streicherflächen übernahmen. Eine herrliche Hörerfahrung war das, mit Verve und geschmeidig gespielt von den Gästen. Es blitzte und funkelte auch in den „nur“ zwei Geigen. – Dazu sorgte Thomas Ney für die verbale Erheiterung, indem er sich leidenschaftlich durch die verschiedenen Mundarten – Wienerisch und nach Schwejkscher Art – wühlte und über diverse Widrigkeiten der k.u.k.-Monarchie erzählte. Es war ein Abend, der dem Motto der diesjährigen Schlosswochen am meisten gerecht wurde: heitere Muse. Nur schade, dass man nicht tanzen durfte.
10.9.2012:
… Als der Schlussapplaus Natascha Korsakowa und Manrico Padovani nach ihrem „Navarra“-Geigenauftritt (Pablo de Sarasate) hochleben ließ, war die Meinung, einen hochkarätigen Abend erlebt zu haben, wohl allgemein.
Die zwei Instrumentalisten überzeugten davor mit Mozarts Zauberflöten-Melodien, eine Bearbeitung aus dem Jahr 1792 für Violine; spielten sie keck und vorwitzig, wie Papageno eben. Brahms-Walzer gab es … und Fritz-Kreisler-Noten, geschmeidig und in schlankem Tone auf den kostbaren Instrumenten dargebracht. – Am Flügel stellte Ira Maria Witoschynskyj eine sehr zuverlässige Begleitung. Vor allem beim Gershwin temperamentvoll und zupackend, beim abschließenden Sarasate bewundernswert nicht zu irritieren.
Witoschynskyj hatte zudem die Vokalsolisten pianistisch zu betreuen. Brahmslieder nach Goethetexten, Gershwin-Noten und Ravel für Bariton. Ein kleiner Operetten-Vorgriff mit Oscar Strauss und ebenfalls Gershwin für Sopran. Claus Temps und Amy Rothenburg lebten die Texte. In kultivierter Artikulation, mit gut sitzender und bezwingender Stimme erlebte das Publikum Temps. Amy Rothenburg musste sich indisponiert, weil erkältet, melden, dennoch meisterte sie sogar den hohen Ansatzton ihres „Summertime“. Alle Achtung! - Die Interpreten seien Sklaven des Komponisten, verlangte Maurice Ravel. Er wäre an diesem Abend mit allen Akteuren hochzufrieden gewesen. –
Die Abschlussgala am Samstag verpflichtete Tenor René Kollo. Ihm zur Seite Frauke Thalacker als Sopran. Es erklangen Operettenmelodien, diese Lieder der weggesperrten Sehnsüchte, der ausgebliebenen Erfüllung – unser ganzes unerlöstes Leben!
René Kollo ist ... immer noch der alte Charmeur, ganz seiner Tonlage verpflichtet. Ein bisschen selbstverliebt natürlich zudem. Das Publikum jedoch mochte ihn, wahrscheinlich, weil diese immergrünen Weisen eigene Erinnerungen vergolden und wuchern lassen... Henning Lucius am Flügel … meisterte seine Begleiterrolle großartig. Fraucke Thalacker flirtete mit ihren Zuhörern, weil sie eben auch die Schauspielerin neben der glaubwürdigen Sängerin ist, und übernahm am Ende das letzte Tenorlied noch selbst. Als die „Roten Rosen in Tirol“ als Zugabe erklangen, konnte jeder beglückt und erleichtert aufatmen und die Welt war in Ordnung. Ein Tenor bricht eben (fast) alle Herzen.
Die Schlosswochen 2012 sind Geschichte. Intendantin Ute Lange-Brachmann durfte sie in ihrem neuen Format, sieben Abende am Stück, einen Erfolg nennen. Die durchschnittliche Auslastung durch die Besucher lag bei 95 Prozent. Vom 1. bis 7. September 2013 startet das nächste Festival, das sich dann vor Friedrich Kuhlau verbeugen wird.