Holdenstedter Schlosswochen 2012

Berichterstattung in der Allgemeinen Zeitung der Lüneburger Heide (Barbara Kaiser):

4.9.2012:
…. Das Publikum war bereits vor der Pause frenetisiert. Und am Schluss wollte der Beifall kein Ende nehmen. Die Holdenstedter Schlosswochen 2012 sind eröffnet, der erste Abend sah einen voll besetzt-ausverkauften ovalen Saal, die Künstler zeigten sich in Hochform und zauberhafter Spiellaune. Szenische Opern standen auf dem Programm; Mozarts „Zauberflöte“ und „Hoffmanns Erzählungen“ von Jacques Offenbach...
Dass U-Musik nicht gleich Niveauverlust bedeutet, davon war fest auszugehen; stehen die Schlosswochenveranstalter doch seit mehr als zehn Jahren für hohen Anspruch sowohl in konzeptioneller wie auch künstlerische Hinsicht. Das siebentägige Programm spricht da eine sehr deutliche Sprache. Und die Eröffnung untermauerte die Ahnung: Die diesjährigen Schlosswochen werden in die Annalen eingehen als besondere.
Das Sängerensemble, unterstützt durch Chor und Kinderstimmen und einem bravourös-anschmiegsamen Volker Link am Begleiterflügel, erzählten die alten Geschichten über Liebe und Leid, Begehren und Gewähren. Ganz ohne Tod ging es nicht, aber es wurde stimmlich wunderschön gestorben. Miriam Alexandra war vielleicht der heimliche Star des Abends mit ihren Arien der Pamina und Papagena bei Mozart und der Olympia, Antonia und Guilietta bei Offenbach. Zart und sicher in den Höhen und koloraturbewährt meisterte sie nicht nur die sehr anspruchsvolle Vorstellung der Puppe Olympia.
Aber eigentlich ist es unfair, zu sehr zu personalisieren, auch wenn Stephan Freiberger ein hinreißender Papageno war und Gideon Poppe, der Frischling in der Schlosswochenfamilie, ein beeindruckender Tamino und Hoffmann. Rassig-timbriert Carolina Bruck-Santos als neuer Mezzosopran.
Insgesamt jedoch stand ein Solisten-Ensemble auf der Bühne, bei dem sich jeder Einzelne für den Erfolg ins Zeug warf. Mit mustergültiger eloquenten Musikalität, Kondition und schauspielerischem Schalk. Ob dramatisch ausladende Passage, schön geführte Kantilene, inniges Duett oder turbulente Szene – die Sänger machten sich zum souveränen Anwalt der Sache und ließen den Spaß nirgendwo auf der Strecke...

5.9.2012:
Ein Klavierabend gehört zu den Schlosswochen; und wenn Hinrich Alpers am Flügel sitzt, haben die Veranstalter keine Kartenabsatzprobleme. So auch am Montag, dem Tag zwei des Festivals 2012... „Die Wut über den verlorenen Groschen“, Rondo a capriccio G-Dur von Ludwig van Beethoven. Ja, die Musikwissenschaftler sagen, der Komponist hat den Titel nicht erfunden. Sollen sie. Klingt es nicht aber, als wenn ein vorwitziges Talerchen rollt und rollt und ausgerechnet unterm Sofa ausklingelt? Hinrich Alpers nahm das Stück rasend schnell; aber bei Beethoven sind Metronomzahlen, wenn überhaupt vorhanden, sowieso weit auslegbar. Er spielte, als würde der Groschensucher nur kurz Luft holen, um dann weiterzuhasten. Das ganze Ungestüm der Noten ging jedoch nicht auf Kosten der Klarheit und kam auch ohne Effekthascherei aus. Die Partitur ist Effekt genug.
Begonnen hatte der Konzertabend mit einer Posse, zehn Variationen von Mozart zur Gluck-Opern-Arie „Unser dummer Pöbel meint“. Welch Anspielung! Hinrich Alpers muss zumindest einige dieser gewissen Talkshows kennen, in denen sich die Leute spreizen, wichtig nehmen, stolzieren, melodramatisch aufplustern und auf ihrer Meinung insistieren. Alles das steht in den Mozart-Noten und der 31-Jährige gab sie so: In dieses Leben geholt und in befreiender Erheiterung.
Die folgenden „Valses Nobles et Sentimentales“ von Maurice Ravel aus dem Jahr 1911 waren furioser Kontrapunkt in der Radikalität einer modernen Ästhetik... Alpers fand hier für lyrische wie dramatische Schattierungen den richtigen Ton und spielte auch seine Stärken im Nachdenklich-Kontemplativen aus. – Nach der Pause drei Preludes von George Gershwin, wirklich bekannte Unterhaltungsmusik, in der Interpretation aggressiv-fröhliches Intermezzo vor dem großen, 25-Minuten-Brocken zum Schluss: Robert Schumanns „Carnaval op. 9“. Mit Überzeugungskraft legte der Instrumentalist Sorgfalt auf die dynamische Balance, schien aber wohl am Ende selbst ein wenig erleichtert, als der letzte Ton angeschlagen war. Zur allgemeinen Beruhigung der Gemüter gab es eine leise Chopin-Mazurka obendrauf.

6.9.2012:
Anfangs musste man schwere Bedenken hegen, wie dieser Abend wohl ausgehen würde, denn das Quadriga-Quartett schrammelte drauf los...Dabei hatten die Gäste in der dritten Veranstaltung der diesjährigen Schlosswochen mit einem Walzer von Johannes Brahms die musikalischen Scherze noch gar nicht eingeläutet.... Beim folgenden Spaß auf den Geiger Joseph Joachim und zwei Walzern von Antonin Dvo?ák schien dann Leben in die Musiker zu kommen. Und für die Begleitung der vier heiteren Lieder von Hugo Wolf (aus dem „Italienischen Liederbuch“) waren sie endgültig reanimiert. Offenbar auch durch die Mezzosopranistin Christiane Heinke... Egal wie: Nach der Pause stimmte der Titel: „Streichquartett einmal anders“ und es wurde ein großer Fez, eine herrliche, skurrile Alberei. Wer hätte geglaubt, dass Arnold Schönberg, der sein Publikum mit der Zwölftonmusik erschreckte, mit „Die eiserne Brigade“ für Streichquartett und Klavier mitten im Ersten Weltkrieg ein Musikstück schrieb, das urkomisch ist. So fröhlich könnte Militär sein, wendete es sich ausschließlich dem Musikmachen zu! Ein Ding zwischen Wiener Kaffeehausmusik, angereichert mit Gegacker und Hundegebell und einem „Achtung!“. Hier legten die „Quadriga“-Leute los und nahmen die Kunst zwar ernst, sich selber aber nicht so sauertöpfisch wichtig. Hans-Joachim Draheim am Klavier durfte fröhlich hämmern und befeuerte die ganze Angelegenheit. Herrlich! Ähnlich schrägschön und schrill das „Minimax“ von Paul Hindemith, sechs kleine Stücke, allesamt Parodien auf „Gediegenes“ inklusive des Versuchs, zwei Geigen als Piccoloflöten auszugeben. Man muss es gehört haben.
Danach hatte Christiane Heinke, deren Stimme für die italienischen Lieder ein wenig zu dramatisch war, ihren großen Auftritt: Bei den vier Filmmusiktitel war sie ganz Diva... Die Heinke versuchte gar nicht erst, Leander oder Marlene Dietrich zu sein, sie gibt die Chansonette überzeugend, im Timbre absolut passend, mit schauspielerischer Raffinesse und Koketterie...

8.9.2012
… Was dieser Abend bot, war überraschend und amüsant und von großer Musikalität. Mit einem Quäntchen Seligkeit auch, klar, aber genauso mit einem schönen Augenzwinkern.
Acht Musiker saßen auf dem Podium, das Norddeutsche Kammerensemble, was heißt, Streichquartett plus Flöte, Klarinette, Klavier und Harmonium. Dazu, weil der Abend als musikalisch-literarischer ausgepreist wurde: Thomas Ney mit Texten von Roda Roda, was Vergnügen sowieso impliziert.
„Es gibt Gebrauchsmusik und solche, die nicht zu gebrauchen ist“, war sich der Komponist Kurt Schwaen (1909 bis 2007) sicher. Arnold Schönberg und seine Kollegen (einschließlich die noch lebenden Manfred Trojahn und Hans-Peter Dott) müssen sich das genauso gedacht haben. Und dass die Strauß-Walzer beste Unterhaltungs- also Gebrauchsmusik sind, darüber muss man nicht diskutieren. Und deshalb gingen alle Bearbeiter von „Lagunenwalzer“, „Rosen aus dem Süden“, „G`schichten aus dem Wienerwald“ oder „Schatzwalzer“ mit außerordentlicher Hochachtung mit den Originalnoten um. Wer also Strauß in Zwölfton-Manier erwartet hatte und zu Hause geblieben war, der irrte sehr und hat deshalb einen Abend voller Schwung verpasst.
Es erklang kraftvoll leuchtend unverkennbar Johann Strauß, auch wenn das Harmonium gemütlich dazwischen brummte, Flöte und Klarinette hin und wieder die üblichen schmachtenden Streicherflächen übernahmen. Eine herrliche Hörerfahrung war das, mit Verve und geschmeidig gespielt von den Gästen. Es blitzte und funkelte auch in den „nur“ zwei Geigen. – Dazu sorgte Thomas Ney für die verbale Erheiterung, indem er sich leidenschaftlich durch die verschiedenen Mundarten – Wienerisch und nach Schwejkscher Art – wühlte und über diverse Widrigkeiten der k.u.k.-Monarchie erzählte. Es war ein Abend, der dem Motto der diesjährigen Schlosswochen am meisten gerecht wurde: heitere Muse. Nur schade, dass man nicht tanzen durfte.


10.9.2012:
… Als der Schlussapplaus Natascha Korsakowa und Manrico Padovani nach ihrem „Navarra“-Geigenauftritt (Pablo de Sarasate) hochleben ließ, war die Meinung, einen hochkarätigen Abend erlebt zu haben, wohl allgemein.
Die zwei Instrumentalisten überzeugten davor mit Mozarts Zauberflöten-Melodien, eine Bearbeitung aus dem Jahr 1792 für Violine; spielten sie keck und vorwitzig, wie Papageno eben. Brahms-Walzer gab es … und Fritz-Kreisler-Noten, geschmeidig und in schlankem Tone auf den kostbaren Instrumenten dargebracht. – Am Flügel stellte Ira Maria Witoschynskyj eine sehr zuverlässige Begleitung. Vor allem beim Gershwin temperamentvoll und zupackend, beim abschließenden Sarasate bewundernswert nicht zu irritieren.
Witoschynskyj hatte zudem die Vokalsolisten pianistisch zu betreuen. Brahmslieder nach Goethetexten, Gershwin-Noten und Ravel für Bariton. Ein kleiner Operetten-Vorgriff mit Oscar Strauss und ebenfalls Gershwin für Sopran. Claus Temps und Amy Rothenburg lebten die Texte. In kultivierter Artikulation, mit gut sitzender und bezwingender Stimme erlebte das Publikum Temps. Amy Rothenburg musste sich indisponiert, weil erkältet, melden, dennoch meisterte sie sogar den hohen Ansatzton ihres „Summertime“. Alle Achtung! - Die Interpreten seien Sklaven des Komponisten, verlangte Maurice Ravel. Er wäre an diesem Abend mit allen Akteuren hochzufrieden gewesen. –
Die Abschlussgala am Samstag verpflichtete Tenor René Kollo. Ihm zur Seite Frauke Thalacker als Sopran. Es erklangen Operettenmelodien, diese Lieder der weggesperrten Sehnsüchte, der ausgebliebenen Erfüllung – unser ganzes unerlöstes Leben!
René Kollo ist ... immer noch der alte Charmeur, ganz seiner Tonlage verpflichtet. Ein bisschen selbstverliebt natürlich zudem. Das Publikum jedoch mochte ihn, wahrscheinlich, weil diese immergrünen Weisen eigene Erinnerungen vergolden und wuchern lassen... Henning Lucius am Flügel … meisterte seine Begleiterrolle großartig. Fraucke Thalacker flirtete mit ihren Zuhörern, weil sie eben auch die Schauspielerin neben der glaubwürdigen Sängerin ist, und übernahm am Ende das letzte Tenorlied noch selbst. Als die „Roten Rosen in Tirol“ als Zugabe erklangen, konnte jeder beglückt und erleichtert aufatmen und die Welt war in Ordnung. Ein Tenor bricht eben (fast) alle Herzen.
Die Schlosswochen 2012 sind Geschichte. Intendantin Ute Lange-Brachmann durfte sie in ihrem neuen Format, sieben Abende am Stück, einen Erfolg nennen. Die durchschnittliche Auslastung durch die Besucher lag bei 95 Prozent. Vom 1. bis 7. September 2013 startet das nächste Festival, das sich dann vor Friedrich Kuhlau verbeugen wird.

Kritik zum Kammerkonzert I - Maiblumen blühen überall

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Kammerkonzert I – „Maiblumen blühten überall“

Das erste Konzert unter dem Titel „Maiblumen blühten überall“ – eine Vertonung dieses Gedichts von Richard Dehmel für Sopran und Streichsextett von Alexander Zemlinsky stand auf dem außergewöhnlichen Programm mit Musik des Fin du siècle – gab einen bunten und eindrucksvollen Vorgeschmack auf die Fülle von z.T. sehr bekannten und z.T. sehr zu Unrecht kaum gespielten Werken auf der Schwelle von einer schwelgerischen Spätromantik zur Moderne. Dies war eine der konzeptionellen Ideen für die insgesamt acht Konzerte. Auf Franz Liszts klanglich und satztechnisch geradezu avantgardistisches Gedenkwerk „Am Grabe Richard Wagners“ für Harfe und Streichquartett (1883), das mit Parsifal-Klängen jongliert, folgte das durch Viscontis Film „Tod in Venedig“ (nach der Novelle von Thomas Mann) als atmosphärische Filmmusik bekannt gewordene Adagietto aus der 5. Symphonie von Gustav Mahler. Diese wortlose Liebeserklärung an seine Frau Alma war schon zu Lebzeiten des Komponisten und in der Zeit seiner Missachtung sein bekanntestes Stück, was sich auch in einigen Arrangements widerspiegelt. Es erklang hier in einer Bearbeitung der Originalfassung für Streichorchester und Harfe für Streichsextett, Kontrabass und Harfe von Joachim Draheim, die – auch dank der sensiblen Wiedergabe – klanglich vollkommen überzeugte und bei dieser Gelegenheit ihre vom Publikum mit großem Beifall aufgenommene Uraufführung erlebte.

Alexander Zemlinsky, der Rivale Mahlers um die Gunst Almas, der geniale Lehrer Arnold Schönbergs und des Wunderkinds Erich Wolfgang Korngold, ist wie Mahler in den letzten 40 Jahren nach völliger Vergessenheit wiederentdeckt worden und hat eine erstaunliche Renaissance seiner Werke, vor allem der Opern und Lieder, erlebt. Er war mit zwei erst im Jahre 2000 veröffentlichten stürmischen Jugendwerken vertreten, deren zwischen Brahms und Wagner pendelnde, aber doch ganz eigenständige klangliche Opulenz und ihr großer harmonisch-rhythmischer Reichtum die Hörer auch in diesem Konzert in den Bann schlug. Dem leider nur als Fragment überlieferten „Maiblumen blühten überall“ (mit Miriam Alexandra als Solistin, deren hell leuchtender Sopran für diese Musik geradezu ideal ist) stand ein Streichquintett d-moll von noch vergleichsweise klassischem Zuschnitt gegenüber, von dem nur zwei Sätze erhalten sind und das einst den Beifall des kritischen Johannes Brahms gefunden hatte. Den fulminanten Abschluss des Konzerts bildete das klangmächtige, zwischen Wiener „Schmäh“ und Ausbrüchen in eine herb-lineare Modernität reizvoll changierende Streichsextett D-Dur op. 10 (1914/16) von Erich Wolfgang Korngold. Es bewies ein-mal mehr, was für ein facettenreicher Komponist Korngold war, der eben nicht nur süffige Filmmusiken zu Hollywood-Streifen oder einen Opernhit wie „Die tote Stadt“ schreiben konnte, sondern auch auf dem Gebiet anspruchsvollster Kammer-musik zu glänzen wusste.

Das Norddeutsche Streichsextett (Lilly Francis und Edouard Tachalow, Violinen, Manuel Hofer und … , Viola, Julian Arp und Friederike Fechner, Violoncello), nahtlos und klangschön unterstützt von Maria Paccagnella, Harfe, und Michael Rieber, Kontrabass, erwiesen sich gegenüber den z.T. immensen Anforderungen dieses Programms als überlegene und klug gestaltende Interpreten und ernteten am Ende zu Recht Beifallsstürme. Sie fanden trotz der nicht idealen akustischen Bedingungen des Saales in allen Werken fast immer die richtige Balance zwischen solistischer Virtuosität, kammermusikalischer Feinarbeit und quasi-orchestraler Klangfülle.


Hans C. Hachmann

Kritik zu Gustav Mahler als Opernbearbeiter

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„Gustav Mahler als Opernbearbeiter“

Carl Maria von Weber / Gustav Mahler: „Die drei Pintos“

Wolfgang Amadeus Mozart / Gustav Mahler: „Die Hochzeit des Figaro“


Zur Tradition der Holdenstedter Schlosswochen gehört seit 2006 ein bei Publikum und Interpreten gleichermaßen beliebter halbszenischer Opernabend. Die teils bekannten, teils bedauerlicherweise kaum gespielten Meisterwerke des überwiegend heiteren Musiktheaters erlebt man hier durch die Enge des Raumes sozusagen „hautnah“, wobei - dem durchaus charmanten Werkstatt-Charakter der Veranstaltung entsprechend - nicht mit Orchester-, sondern mit oft von der Hand des Komponisten stammender Klavierbegleitung musiziert wird, in deutscher Sprache (was das Verständnis erhöht), mit sparsamen szenischen Andeutungen und wenigen Requisiten. Gerade die Beschränkung der Mittel und der Räumlichkeiten scheinen die Phantasie des für die Regie und die Zwischentexte verantwortlichen Kieler Bass-Baritons Hans-Jürgen Förter-Barth zu beflügeln – im Zuge allgemeiner Sparmaßnahmen muss er natürlich selbst auch immer wieder in größeren und kleineren Rollen mitwirken (was ihm sichtlich Spaß bereitet...).
Am Klavier: Jan Revermann, ein erfahrener Korrepetitor und Liedbegleiter, der umsichtig die Fäden in der Hand behält und allen Solisten sowie dem seit 2009 bestehenden, von Ulrike Beutin zusammengestellten und aus Hamburg angereisten Vokalensemble der Schlosswochen, ein zuverlässiger und klanglich fein ausbalancierter Begleiter ist.
In diesem Jahr gab es zwei Raritäten von außerordentlichem Rang: Webers nur in spärlichen Fragmenten überlieferte komische Oper „Die drei Pintos“, eine harmlos-lustige Verwechslungskomödie in der kongenialen Ergänzung von Gustav Mahler und Mozarts „Die Hochzeit des Figaro“ in der von Mahler in Auftrag gegebenen Übersetzung des Brahms-Biographen Max Kalbeck, mit zwei von Mahler hinzukomponierten Rezitativen.
Im eher konzertanten Querschnitt durch „Die drei Pintos“ glänzten Amy Rodenburg als temperamentvolles Wirtstöchterchen Inez, Miriam Alexandra als elegisch-liebende Clarissa (mit einer zauberhaften großen Arie), Steffen Wolf als gewitzter gewesener Student Gaston mit agilem Spieltenor, aber auch als lyrischer Don Gomez mit kräftigeren Tönen, Stephan Freiberger als Gastons lebenslustiger Diener Ambrosio mit urkomischem Falsettieren (die heimliche Hauptrolle der Oper!), Hans-Jürgen Förter-Barth als witziger Erzähler und einziger „echter“, wenn auch sehr einfältiger Don Pinto mit profundem Bass-Buffo. Claus Temps als Wirt und die kurzfristig eingesprungene Uta Grunewald als Laura fügten sich nahtlos und fein charakterisierend in dieses fulminante ad-hoc-Ensemble ein.
Nach der Pause gab es eine Rarität, die auf den ersten Blick keine zu sein schien: Mozarts unsterbliches Meisterwerk „Figaros Hochzeit“, aber weder im italienischen Original, noch in der „üblichen“ deutschen Übersetzung von Hermann Levi, sondern in der erwähnten, sich eng am Original orientierenden und auf die Vorlage von Beaumarchais zurückgreifenden deutschen Übersetzung von Max Kalbeck, der als Übersetzer von Opernlibretti große Erfahrung besaß und zudem als Kritiker Mahler wohlgesonnen war. Mahler, ein glühender Verehrer Mozarts, wollte in seiner 1906 in Wien uraufgeführten Version das durch die damalige sorglose Bühnenpraxis zur Posse herabgewürdigte Original wiederherstellen und revolutionäre Botschaft des Werkes in der Kritik des Ancien Régime deutlich herausarbeiten – daher die Erweiterung der peinlichen Gerichtsszene vor dem Sextett im dritten Akt und in dem Rezitativ nach der ersten Arie des Figaro.

Die Darsteller konnten sich in diesem halbszenischen Querschnitt mit Zwischen-texten erneut als glänzende Komödianten, aber auch in ernsteren Rollen profilieren. Claus Temps als aufrührerischer Figaro, Stephan Freiberger als herrisch-viriler Graf, Amy Rodenburg, die diese Rolle auf vielen Bühnen verkörpert hat, war eine anrührend resignierte, aber immer noch stolze Gräfin und Miriam Alexandra eine ebenso resolute wie liebreizende Susanne. Zur köstlich zickigen Marzelline von Uta Grunewald gesellte sich widerstrebend der Intrigant Bartolo (Hans-Jürgen Förter-Barth, eigentlich Regisseur und Erzähler), der dann zum milde gewordenen Vater Figaros mutiert. In der von Mahler erweiterten Gerichtsszene – die hinzugefügten Takte sind stilistisch so glänzend imitiert, dass man keinen Bruch spürt – brillierten Steffen Wolf als bestechlicher stotternder Richter Don Curzio, Michael Köhne als psalmodierender Schreiber und Christian Janssen als Gerichtsdiener (beide Rollen von Mahler erfunden, beide Sänger aus dem Vokalensemble der Schlosswochen). Der Anfang (Beginn der Ouvertüre und Schluss des Finales), der zunächst einen abweichenden Ausgang des Stückes mit anderen Paarkonstellationen als ironische Möglichkeit vorführte, und das Finale ab dem Auftritt des Grafen vereinigte das ganze Ensemble auf der Bühne, zu dem sich noch Ira Maria Witoschynskyj als Cherubino, Bettina Lobe als Bärbel und Christian Janssen als Antonio gesellten.
Das Publikum: begeistert – Komplimente den Veranstaltern!

Hans C. Hachmann

Kritik zur Eröffnung der Holdenstedter Schlosswochen

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Eröffnung der Holdenstedter Schlosswochen 2011

„Von der Romantik zur Moderne“

Franz Liszt (1811-1886) – Gustav Mahler (1860-1911)


Die festliche Eröffnung der diesjährigen Schlosswochen am Freitag, dem 26. August, ermöglichte erste intensive Einblicke in ein Programm, das auf zwei faszinierende, aber auch umstrittene Musiker des Jahrhunderts zwischen 1811 und 1911 konzentriert ist – auf den Klaviertitanen Franz Liszt, geboren 1811, und auf Gustav Mahler, gestorben 1911, den revolutionären Dirigenten und Komponisten, dessen Werk sich inzwischen längst weltweiter Wertschätzung erfreut.
Ute Lange-Brachmann, die Initiatorin und seit 2000 Intendantin der Holdenstedter Schlosswochen, lieferte eine lebendige Vorschau auf die spannenden Programme an diesem und den beiden folgenden Wochenenden: da gibt es neben Bekanntem ausgesprochen reizvolle und interessante Raritäten, eine Konzeption insgesamt, die sich wohltuend von manchen, übrigens finanziell deutlich besser dotierten Festivals unterscheidet. Ein umfangreiches, bebildertes Programmheft mit detaillierten Erläuterungen aus der Feder des Karlsruher Musikwissenschaftlers und Schumann-Preisträgers (2003) Joachim Draheim, von dem die unerschöpflichen Ideen zum gesamten Programm des kleinen, aber feinen Festivals stammen, vermag dabei, die Eindrücke der Konzerte nachhaltig zu vertiefen.
Als Kostproben erklangen, neben der schwungvollen vierhändigen Polonaise Es-Dur von Liszt, Mahlers früheste drei Lieder für Tenor nach eigenen Texten, die mit experimentellen Zügen und exorbitanten Anforderungen an die Singstimme bereits viel von der späteren Tonsprache des Komponisten verraten – souverän interpretiert von dem Hamburger Tenor Steffen Wolf. Drei zum Teil tiefernste und ironisch gebrochene Heine-Lieder von Liszt brachte Claus Temps mit kernigem Bariton und dramatischem Impetus zu großer Wirkung, ebenso drei Mahler-Lieder aus dem ersten Heft der „Lieder und Gesänge aus der Jugendzeit“. Ira Maria Witoschynskyj und Jan Revermann bewährten sich dabei nicht nur als gut eingespieltes Duo, sondern auch als erfahrene und mitgestaltende Liedbegleiter bei den ausgesprochen anspruchsvollen Klavierparts. Die Pianistin glänzte außerdem mit filigranem Klangzauber bei zwei der vielen herrlichen Liedtranskriptionen, die Liszt sein ganzes Leben lang geschaffen hat: neben Spohrs unbekannter „Rose“ der weltberühmten, von Chopins „Mädchens Wunsch“, die seinerzeit in der Interpretation von Serge Rachmaninow unsterblich wurde.
Eine Ausstellung zum Thema „Gustav Mahler in Hamburg“, die von Georg Borchardt, dem Gründer der „Gustav-Mahler-Vereinigung Hamburg“ zusammengestellt worden war, ergänzte in idealer Weise das Eröffnungsprogramm.


Hans C. Hachmann